Dr. Eva Klotz kann auf 31 Jahre Karriere im Landtag und 1.365 Sitzungen im Hohen Haus zurückblicken. Im Interview mit Fraktionssekretär Stefan Zelger spricht sie über ihre erste Landtagssitzung, den Spott Magnagos, die Schlagfertigkeit Alexander Langers und natürlich über die Entwicklung des Selbstbestimmungsrechtes in Süd-Tirol. Jungen Menschen legt sie den Rat ihres Vaters an Herz: „Tue Recht und scheue niemand!“

STF: Liebe Eva, nach sieben erfolgreichen Landtagswahlen und 31 Jahren im Landtag ziehen Sie sich nun aus dem Hohen Haus zurück. Was sind Ihre prägendsten Erinnerungen an diese Zeit?

Es sind sehr viele Erinnerungen, immerhin geht es um 11.312 Tage von meiner allerersten Landtagssitzung bis zu meiner letzten. Was mir spontan einfällt sind die verbalen Schlagabtausche mit Magnago, dessen Zynismus ich besonders zu spüren bekam. Gefreut hat es mich, als Kulturlandesrat Dr. Anton Zelger und Dr. Luis Zingerle von der SVP nach meiner ersten Rede im Regionalrat über Föderalismus und Selbstbestimmung zu mir kamen, um mir zu gratulieren und zu sagen, dass sie es sehr gut gefunden hätten. In Erinnerung geblieben sind mir auch die in lateinischer Sprache gehaltenen Landtags-Reden von Franz Pahl, das große Wissen von Alfons Benedikter sowie die Schlagfertigkeit von Alexander Langer.

STF: Was würden Sie als größte Enttäuschung oder Niederlage in diesen drei Jahrzehnten Landtagsarbeit bezeichnen?

Da ich meine Arbeit im Landtag als Lebensauftrag empfunden habe, gab es für mich keine Niederlagen. Ich wusste, dass ich alles in meinen Möglichkeiten Stehende getan habe, um diesem Auftrag gerecht zu werden. Ich hatte immer ein gutes Gewissen, und ich konnte nichts daran ändern, wenn etwas anders kam, als ich es mir gewünscht hätte. Von Enttäuschungen kann man eigentlich auch nicht sprechen, da meine Erwartungshaltung auf Grund meiner Erfahrungen in Kindheit und Jugend nie allzu hoch war. Unsere Familie hatte früh erfahren, was Verrat und Feigheit bedeutet. Verwundert war ich deshalb eher über mich selbst, dass ich mich von jemanden wie Andreas Pöder so lange habe täuschen lassen und dass ich ihn nicht früher durchschaut habe.

STF: Können Sie sich noch an ihre erste Landtagssitzung im Winter 1983 erinnern?

Ja, sehr gut! Damals wurden wir noch im Regionalrat in Trient vereidigt, also fand dort auch die erste Sitzung statt. Mein Mitkandidat Pepi Kamelger hat mich mit einem riesigen Blumenstrauß überrascht, und ich war recht im Stress, weil ich vor meiner Vereidigung allen anwesenden Journalisten eine Erklärung überreichte, warum ich den Eid auf die Republik Italien leisten kann, obwohl ich für die Abspaltung Südtirols von Italien arbeite.

STF: Sie sahen drei Landeshauptleute, unzählige Landesräte und noch mehr Landtagsabgeordnete kommen und gehen. Wer hat außerhalb unserer Bewegung den nachhaltigsten Eindruck auf Sie hinterlassen?

Schwer zu sagen, es waren mehrere Kolleginnen und Kollegen, die ich schätzte, aber niemand von denen hat so nachhaltige Eindrücke hinterlassen, wie es Persönlichkeiten außerhalb der Politik getan haben.

STF: Würden Sie etwas anders machen wenn Sie die Gelegenheit dazu hätten und wenn Ja, was?

Ich würde manchen Leuten nicht mehr so viel Vertrauen schenken und Zeit widmen, wie ich es all die Jahre getan habe.

STF: Gab es auch Zeiten in denen Sie resignierten und daran dachten alles hinzuschmeißen?

Nein, hat es nicht gegeben. Die letzten Monate in der „Union für Südtirol“ waren für mich allerdings so zermürbend, dass ich bei den Landtagswahlen 2008 am liebsten nicht mehr antreten wollte. Ich habe es dann doch getan, weil ich unseren jungen Idealisten eine gute Startbasis schaffen wollte. Die Arbeit mit Sven Knoll an meiner Seite hat mir aber dann so viel Genugtuung und Schwung gegeben, dass ich gern wieder weitermachte.

STF: Glauben Sie, dass sich im Denken bezüglich des Selbstbestimmungsrechtes in den dreißig Jahren Ihrer parlamentarischen Tätigkeit in Süd-Tirol etwas geändert hat?

Ja, ohne Zweifel. Als ich 1984 im Landtag und Regionalrat das erste Mal über Föderalismus, Subsidiarität und Selbstbestimmung sprach, schaute man mich nur verwundert an, als käme ich von einem anderen Planeten. Als ich dann immer wieder davon sprach, aktuelle Aussagen von Völker- und Menschenrechtlern zitierte und politische Forderungen erhob, versuchte man mich zunächst lächerlich zu machen. Später wurde ich von verschiedenster Seite angefeindet. Das alles hat mich nie gehindert, dafür zu sorgen, dass die Flamme der Selbstbestimmung nicht erlischt, im Gegenteil, ich habe aus den Angriffen am meisten gelernt.

STF: Welche Schlagzeile würden Sie am 2. Dezember, an Ihrem letzten Tag im Landtag, gerne lesen?

Süd- Tirol wird frei!

STF: Werden Sie der SÜD-TIROLER FREIHEIT nach ihrem Ausscheiden aus dem Landtag erhalten bleiben?

Selbstverständlich! Und ich werde weiterhin kämpfen und tun, was zeitlich und kräftemäßig möglich ist. Aber die Sitzungen und Verpflichtungen in Landtag und Regionalrat werden mir zu viel. Ich kann aus meiner Haut nicht heraus: Was ich übernehme, mache ich ganz oder lasse es bleiben. Da mich das Private immer mehr in Anspruch nimmt, habe ich die Entscheidung getroffen, mein Landtagsmandat niederzulegen. Privates hat bis jetzt immer zurückstecken müssen, jetzt verlangt es aber Priorität!

STF: Welchen Ratschlag würden Sie jungen Menschen auf den Weg geben, die sich politisch engagieren wollen?

Den Mut, das zu tun, was sie in ihrem Innersten verspüren, dass es getan werden muss – immer mit demokratischen Mitteln und so, dass man immer allen offen in die Augen schauen kann. Nach dem Vermächtnis meines Vaters: Tue Recht und scheue niemand!

Liebe Eva, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!
Das Interview führte Stefan Zelger, Sekretär der Landtagsfraktion SÜDTIROLER FREIHEIT